„Kunde droht mit Auftrag“ aber zahlt erst in 60 Tagen? Wie Factoring deine Liquidität rettet (ohne Kredit!)
Kennt ihr diesen einen Kunden? Er ist riesig, der Name macht sich super auf eurer Referenzliste und die Aufträge sind fett. Aber wenn es ums Bezahlen geht, lässt er sich Zeit. Viel Zeit.
Da steht dann im Kleingedruckten „Zahlungsziel 60 Tage“ oder sogar „90 Tage netto“.
Du hast die Arbeit gemacht, das Material bezahlt, deine Mitarbeiter entlohnt – und wartest nun drei Monate auf dein Geld. In der Zwischenzeit ist dein Konto so trocken wie die Wüste Gobi. Das ist frustrierend, oder? Du bist eigentlich profitabel, aber auf dem Konto herrscht Ebbe.
Für genau dieses Problem gibt es eine Lösung, die gar kein echter Kredit ist. Sie heißt Factoring (oder auf Deutsch: Rechnungsverkauf). Und heute schauen wir mal, ob das was für dich ist.
Was zur Hölle ist Factoring eigentlich?
Stell es dir so vor: Du schreibst eine Rechnung über 10.000 € an deinen Großkunden. Anstatt die Rechnung in den Briefkasten zu werfen und zu beten, verkaufst du diese Forderung an eine spezielle Firma, den sogenannten Factor.
Der Deal läuft dann so:
- Du lädst die Rechnung beim Factor hoch.
- Der Factor überweist dir sofort (meist innerhalb von 24h) ca. 80% bis 90% der Summe. Du hast das Geld also morgen auf dem Konto!
- Der Factor wartet nun die 60 Tage, bis dein Kunde zahlt.
- Sobald der Kunde gezahlt hat, überweist dir der Factor den Restbetrag – abzüglich einer Gebühr.
Du tauschst also ein bisschen Marge gegen sofortige Liquidität.
Warum das besser sein kann als ein Bankkredit
Ich bin ein Fan von Factoring, besonders für Dienstleister und Handwerker im B2B-Bereich. Warum?
1. Der Ausfallschutz (Delkredere)
Das ist der absolute Killer-Vorteil beim echten Factoring. Wenn dein Kunde in den 60 Tagen pleite geht und die Rechnung nicht bezahlen kann, ist das nicht mehr dein Problem. Du hast dein Geld ja schon vom Factor bekommen. Der Factor trägt das Risiko.
Das schläft sich doch gleich viel ruhiger, oder?
2. Die Bilanz-Kosmetik
Da du deine Forderungen verkaufst, verschwinden sie aus deiner Bilanz und werden zu Cash. Das erhöht deine Eigenkapitalquote. Und eine bessere Eigenkapitalquote sorgt – tadaa! – für ein besseres Rating bei deiner Hausbank (siehe mein Artikel über Bonität!).
3. Keine Sicherheiten nötig
Für einen Kredit will die Bank oft dein Haus oder Auto als Sicherheit. Dem Factor ist das egal. Seine Sicherheit ist die Rechnung und die Bonität deines Kunden. Wenn du also solvente Kunden hast (z.B. große Konzerne oder öffentliche Träger), bekommst du Geld, auch wenn deine eigene Bonität vielleicht gerade nur mittelmäßig ist.
Aber was denken meine Kunden?
Das ist die größte Sorge, die ich immer wieder höre: „Alex, wenn ich meine Rechnungen verkaufe, denkt mein Kunde doch, ich stehe kurz vor der Pleite!“
Früher war das vielleicht so. Heute ist Factoring im Mittelstand völlig normal.
Aber wenn dir das trotzdem unangenehm ist, gibt es das sogenannte Stille Factoring. Dabei erfährt dein Kunde gar nicht, dass ein Dritter im Spiel ist. Du verkaufst die Forderung, aber das Geld wird auf ein Konto überwiesen, das zwar an den Factor abgetreten ist, aber nach außen hin wie deins aussieht. Der Kunde merkt nichts, aber du hast das Geld sofort.
Was kostet der Spaß?
Natürlich machen die Factoring-Anbieter das nicht aus Nächstenliebe. Die Kosten setzen sich meist aus zwei Bausteinen zusammen:
- Factoringgebühr: Ein Prozentsatz vom Umsatz (oft zwischen 0,5% und 3%, je nach Volumen und Branche).
- Zins: Für den Zeitraum, in dem der Factor das Geld vorstreckt.
Rechenbeispiel:
Rechnung: 10.000 €
Kunde zahlt nach: 60 Tagen
Kosten (ca.): 200 € bis 300 €
Du verlierst also 2-3% vom Umsatz. Aber dafür hast du das Geld zwei Monate früher. Wenn du mit diesem Geld neue Ware kaufen kannst, um den nächsten Auftrag anzunehmen, hast du die Kosten oft dreifach wieder drin.
Liquidität vor Rentabilität?
Manchmal muss man Gewinne opfern, um flüssig zu bleiben. Factoring ist ein Turbo für deinen Cashflow. Es ist vielleicht nichts für jede kleine 50-Euro-Rechnung, aber für die großen Brocken, die dir die Liquidität abschnüren, ist es Gold wert.
Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, eure Rechnungen zu „versilbern“? Oder habt ihr Angst, dass die Kunden das falsch verstehen könnten?
Bleibt flüssig!
Euer Alex