Skonto ziehen trotz leerer Kasse? Warum der Betriebsmittelkredit dein heimlicher Gewinnbringer ist
Kennt ihr das? Ihr sitzt im Büro, die Auftragsbücher sind voll, das Team rotiert und eigentlich sollte die Stimmung bombastisch sein. Aber dann kommt dieser eine Moment. Der Blick aufs Geschäftskonto. Und plötzlich rutscht einem das Herz in die Hose.
Wie kann eine Firma, die so gut läuft, eigentlich so klamm sein?
Genau darüber müssen wir heute reden. Es ist nämlich das klassische Paradoxon, das mir schon so viele graue Haare beschert hat (bevor ich wusste, wie man das Spiel spielt). Es geht um die verdammte Liquidität. Und es geht darum, wie ihr mit einem Betriebsmittelkredit nicht nur Löcher stopft, sondern tatsächlich Geld verdient. Ja, richtig gelesen. Geld verdienen durch Schulden machen. Klingt verrückt oder? Ist es aber nicht.
Lasst uns mal tief eintauchen.
Das Dilemma: Wachstum frisst Geld
Stellt euch vor, ihr habt einen riesigen Auftrag an Land gezogen. Super, oder? Aber bevor der Kunde auch nur einen Cent zahlt, müsst ihr in Vorleistung gehen. Material einkaufen, Löhne zahlen, vielleicht sogar neue Maschinen anmieten. Das Geld fließt raus, lange bevor es wieder reinkommt.
In der Fachsprache nennt man das „Working Capital Cycle“, ich nenne es einfach: Die Durststrecke.
Und genau in dieser Durststrecke passieren die Fehler. Man fängt an, Rechnungen von Lieferanten zu schieben. Man wartet bis zur letzten Mahnung. Und was verliert man dabei?
Das Skonto.
Warum 3% Skonto mehr sind als du denkst
Ich habe das früher auch unterschätzt. „Ach Alex“, dachte ich mir „die 2 oder 3 Prozent Skonto, die der Lieferant anbietet, wenn ich sofort zahle… das macht den Braten auch nicht fett.“
Oh doch. Das tut es.
Rechnen wir das mal kurz durch, ganz ohne komplizierte Formeln:
Wenn dir ein Lieferant 3% Skonto anbietet bei Zahlung innerhalb von 10 Tagen (statt 30 Tagen netto), dann schenkt er dir quasi Geld dafür, dass er sein Geld 20 Tage früher bekommt.
Wenn du diese 3% auf das Jahr hochrechnest (Zinseszins mal weggelassen), entspricht das einem Jahreszins von über 50%.
Kein Witz. Welcher Kunde zahlt euch >50% Rendite? Eben. Keiner.
Der Betriebsmittelkredit als dein Ass im Ärmel
Jetzt kommt der Punkt wo viele zurückschrecken. „Ich nehme doch keinen Kredit auf, um Rechnungen zu bezahlen!“ höre ich oft. Doch, genau das solltest du tun. Zumindest, wenn es ein kurzfristiger Betriebsmittelkredit ist.
Stell dir folgendes Szenario vor:
- Du hast eine Lieferantenrechnung über 10.000 €.
- Du kannst 3% Skonto ziehen (= 300 € sparen), wenn du sofort zahlst.
- Dein Konto ist aber leer.
- Du nutzt deinen Betriebsmittelkredit (oder Kontokorrentlinie). Nehmen wir mal an, der ist teuer und kostet dich aktuell 10% Zinsen im Jahr.
Du leihst dir also die 9.700 € für sagen wir mal 20 Tage, bis dein Kunde dich bezahlt hat.
Die Zinsen für diese 20 Tage bei 10% p.a. liegen bei lächerlichen ca. 53 €.
Das Ergebnis:
Du hast 300 € gespart (Skonto).
Du hast 53 € Zinsen gezahlt (Kredit).
Dein Reingewinn: 247 €.
Einfach so. Nur durch intelligentes Finanzmanagement. Und das bei nur einer Rechnung. Multiplizier das mal mit deinem Jahresumsatz im Einkauf. Da kommen Summen zusammen von denen man sich nen schönen Firmenwagen leasen könnte.
Merke: Ein Betriebsmittelkredit ist nicht immer ein Zeichen von Schwäche. Oft ist er ein Werkzeug für kaufmännische Cleverness.
Aber Vorsicht: Die Falle lauert im Detail
Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt. Ich muss hier auch mal den Finger in die Wunde legen. Ein Betriebsmittelkredit verführt natürlich auch dazu, Liquiditätsprobleme zu verschleiern, die eigentlich strukturell sind.
Wenn euer Geschäftsmodell dauerhaft keinen Gewinn abwirft, hilft euch auch die beste Kreditlinie nicht. Dann verlängert sie nur das Leiden.
Man muss schon ehrlich zu sich selbst sein. Nutze ich das Geld zur Vorfinanzierung von sicherem Umsatz? Oder stopfe ich Löcher, weil meine Produkte Ladenhüter sind?
Wer das nicht unterscheidet, bekommt früher oder später Besuch vom Insolvenzverwalter. Und auf den Kaffee kann ich gut verzichten ehrlich gesagt.
Wie kommt man an so ein Ding?
Die Hausbanken sind da oft… naja, sagen wir mal „träge“. Bis man da einen Termin hat und die BWA von 2021 auseinandergenommen wurde, ist die Skontofrist längst abgelaufen.
Zum Glück gibt es heute Fintechs und spezialisierte Anbieter, die das schneller machen. Aber dazu werde ich in einem der nächsten Artikel mal mehr schreiben, denn der Vergleich der Anbieter ist ein Dschungel für sich.
Wichtig für heute ist mir nur, dass ihr versteht: Liquidität kostet Geld. Aber keine Liquidität zu haben, kostet oft noch viel mehr.
Nutzt ihr schon Kreditlinien strategisch für Skonti oder Wareneinkauf? Oder seid ihr eher Team „Nur Bares ist Wahres“? Schreibt mir doch mal in die Kommentare (wenn es die hier gäbe – denkt es euch einfach!).