Blindflug oder Autopilot? Wie du eine Liquiditätsplanung erstellst, die dich (und deine Bank) nachts ruhig schlafen lässt
Heute müssen wir über das Thema reden, das die meisten von uns am liebsten vor sich herschieben. Das Thema, bei dem man Schweißausbrüche kriegt, wenn der Steuerberater anruft. Es geht um deine Zahlen. Genauer gesagt: Um das Geld, das wirklich da ist.
Ich sag euch jetzt mal was, das vielleicht weh tut, aber es ist die absolute Wahrheit: Dein Gewinn interessiert mich nicht.
Wirklich nicht. Du kannst auf dem Papier, in deiner schönen BWA (Betriebswirtschaftliche Auswertung) den dicksten Gewinn des Jahrhunderts ausweisen und trotzdem nächste Woche Insolvenz anmelden. Warum? Weil du deine Rechnungen nicht mit Gewinn bezahlst. Du bezahlst sie mit Liquidität. Cash. Schotter.
Das ist die größte Falle, in die fast jeder Unternehmer (mich früher eingeschlossen) irgendwann mal tappt. Gewinn ist eine buchhalterische Größe. Liquidität ist die harte Realität auf deinem Girokonto. Und um diese Realität nicht gegen die Wand zu fahren brauchst du einen Plan. Eine Liquiditätsplanung.
Die BWA-Falle: Warum dein Steuerberater dir beim Überleben oft nicht hilft
Stell dir vor, du verkaufst heute eine riesige Maschine für 100.000 Euro. Deine Kosten waren 60.000 Euro. Geil! 40.000 Euro Gewinn gemacht. Der Steuerberater klopft dir auf die Schulter, die BWA für diesen Monat sieht fantastisch aus.
Aber der Kunde hat ein Zahlungsziel von 60 Tagen.
Das heißt, du hast heute 60.000 Euro ausgegeben (für Material, Löhne), die von deinem Konto abgegangen sind. Aber die 100.000 Euro kommen erst in zwei Monaten rein.
Wenn jetzt morgen das Finanzamt abbucht oder die Miete fällig ist, und dein Konto ist leer, dann nützt dir dein toller 40.000 Euro Gewinn auf dem Papier gar nichts. Die Bank dreht den Hahn zu, und Feierabend.
Deshalb: Die BWA schaut in den Rückspiegel. Die Liquiditätsplanung schaut durch die Frontscheibe.
Der Retter in der Not: Die „Rollierende Liquiditätsplanung“
Klingt wahnsinnig kompliziert, ist aber eigentlich total banal. „Rollierend“ heißt einfach nur: Das Ding ist nie fertig. Du schiebst es immer weiter in die Zukunft.
Ich empfehle jedem meiner Kunden, sich eine Planung für die nächsten 12 bis 13 Wochen (also ein Quartal) aufzubauen. Warum auf Wochenbasis? Weil auf Monatsbasis oft zu ungenau ist. Am 1. des Monats kommen Miete und Gehälter, am 10. die Umsatzsteuer, am 25. vielleicht späte Kundenzahlungen. Wenn du das nur pro Monat rechnest, übersiehst du das fiese Loch, das immer zwischen dem 1. und dem 10. entsteht!
Wie baust du das Ding jetzt auf? (Schritt-für-Schritt)
Ihr braucht dafür keine teure Software. Am Anfang reicht ein simples Excel-Sheet vollkommen aus.
So gehst du vor:
Schritt 1: Der Startschuss (Ist-Zustand)
Du schreibst oben links in dein Excel deinen tatsächlichen Kontostand von heute rein. Dazu rechnest du alle freien Dispo-Linien oder Betriebsmittelkredite, die du sofort abrufen könntest. Das ist deine Start-Liquidität.
Schritt 2: Die harten Fakten (Geld raus)
Jetzt machst du eine Liste mit allem, was in den nächsten 12 Wochen an fixen Kosten vom Konto abgeht. Sei ehrlich zu dir selbst!
- Miete / Pacht (immer am Monatsanfang)
- Löhne & Gehälter (inkl. Sozialabgaben!)
- Kreditraten (Tilgung und Zins!)
- Leasingraten für den Fuhrpark
- Ganz wichtig: Das Finanzamt! (Umsatzsteuervorauszahlung, Gewerbesteuer). Daran sterben die meisten, weil sie das Geld dafür schon ausgegeben haben.
Schritt 3: Die Variablen (Material & Co.)
Wann musst du deine Lieferanten bezahlen? Trage die erwarteten Abgänge in die jeweiligen Wochen ein. Nutze Skonto, wenn du flüssig bist, ansonsten reize das Zahlungsziel aus.
Schritt 4: Der Hoffnungsschimmer (Geld rein)
Jetzt wird es knifflig. Wann bezahlen deine Kunden? Trage nicht das Datum ein, an dem du die Rechnung verschickst, sondern das Datum, an dem das Geld erfahrungsgemäß auf dem Konto ist.
Profi-Tipp: Plane immer defensiv. Wenn Kunde Müller immer 14 Tage zu spät zahlt, dann plane diesen Verzug direkt in dein Excel ein. Lüg dich hier nicht selbst in die Tasche!
Schritt 5: Der Strich drunter
Jetzt rechnet dein Excel für jede Woche:
Startbestand + Geldeingänge – Geldausgänge = Endbestand der Woche.
Dieser Endbestand ist automatisch der Startbestand für die nächste Woche.
Wenn das Excel-Feld rot wird (und was du dann tust)
Wenn du das gewissenhaft für die nächsten 12 Wochen durchziehst wirst du vielleicht in Woche 7 oder 8 sehen, das dein Bestand plötzlich ins Minus rutscht. Das Excel-Feld wird rot.
Panik? Nein! Genau dafür machst du das ja!
Weil du jetzt, 7 Wochen vorher, weißt, dass es eng wird. Jetzt kannst du noch agieren. Wenn du wartest, bis das Konto wirklich im Minus ist, kannst du nur noch reagieren (und betteln).
Was machst du also, wenn Woche 7 rot ist?
- Factoring: Wir haben drüber gesprochen! Kannst du ein paar Rechnungen verkaufen, um den Geldeingang von Woche 9 auf Woche 6 vorzuziehen?
- Lieferanten anrufen: Ruf an bevor die Rechnung fällig ist und frag nach einer Verlängerung des Zahlungsziels um 14 Tage. Die meisten machen das mit, wenn man ehrlich kommuniziert.
- Betriebsmittelkredit: Geh mit genau diesem Plan zur Bank. Leg ihn auf den Tisch und sag: „In Woche 7 habe ich eine Spitze, da brauche ich 20.000 Euro Überbrückung, die in Woche 10 wieder zurückgezahlt werden.“ Die Bank wird dich lieben, weil du deine Zahlen im Griff hast!
Mach es zur Gewohnheit!
Glaubt mir, ich weiß, wie nervig Excel ist, wenn man eigentlich verkaufen oder produzieren will. Aber diese halbe Stunde jeden Freitagnachmittag, in der du deine Liquiditätsplanung für die nächste Woche aktualisierst, ist die bestbezahlte Zeit in deinem Unternehmen.
Es gibt dir die Kontrolle zurück. Du hoffst nicht mehr, sondern du weißt. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl, um ins Wochenende zu gehen.
Im nächsten Artikel knöpfen wir uns dann mal die Warenkreditversicherung vor. Was passiert eigentlich, wenn dein größter Kunde plötzlich pleite geht und deine dickste Rechnung unbezahlt bleibt? Ich zeige euch, wie ihr euch davor schützt, ohne gleich hunderte Euro für unnötige Policen rauszuhauen.
Haltet den Cashflow im Auge!